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„Wir entdecken Entdecker!“

Rafael Laguna de la Vera ist Direktor der neuen Agentur für Sprunginnovationen. Damit erhielt er von der Bundesregierung den Auftrag, bahnbrechende Erfindungen „made in Germany“ ausfindig zu machen.

Der Innovationsstandort Deutschland wächst, das bestätigte jüngst das Bundesforschungsministerium. Auf rund 105 Milliarden Euro seien 2018 die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) von Unternehmen, Hochschulen und dem Staat gestiegen und damit auf 3,13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Seit Anfang des Jahres wird die deutsche F&E-Landschaft durch die Bundesagentur für Sprunginnovationen unterstützt. SprinD mit Standort Leipzig ist vom Bund für die kommenden zehn Jahre mit einem Budget von rund einer Milliarde Euro ausgestattet worden. Damit sollen Rafael Laguna de la Vera und seine Innovationsmanager Erfindungen aufspüren, die die Kraft haben, die Welt umzukrempeln, und diese zur Marktreife führen.

„Vor über 130 Jahren wurde in Deutschland mit dem Automobil noch eine Sprunginnovation entwickelt“, sagt der Softwareunternehmer. Längst hat die Bundesrepublik ihren Erfinderstatus an die USA und Asien abgetreten. Zwar ist Deutschland mit über 26 000 Patentanmeldungen in Europa noch immer Spitzenreiter. Das zeigt der Jahresbericht 2018 des Europäischen Patentamts (EPA), aber die erfolgreichsten technologischen Innovationen wie das Smartphone oder Online-Verkaufsplattformen kommen aus den USA oder Asien. „Selbst eine zukunftsweisende Innovation wie das Audiodateiformat mp3 vom Fraunhofer Institut wurde nicht von Deutschland vermarktet, sondern von den USA“, erklärt der Agenturchef.

Das bedeute aber nicht, dass Deutschland keine Chancen auf die Erfindung von Sprunginnovationen hätte, so Laguna. Im Gegenteil: „Deutschland hat in der Vergangenheit eine leistungsstarke Industrie geschaffen, die sich den Ruf erworben hat, Fertigungen in einer sehr hohen Qualität und Zuverlässigkeit zu produzieren. Bestes Beispiel dafür sind die medizintechnischen Geräte, bei denen Deutschland Weltmarktführer ist“, sagt der Technologieexperte.

Deutschland hat viele Vorzüge

Damit nicht genug. „Auch unsere Prinzipien im Umgang mit Kapitalismus oder Menschenrechten sowie unsere Datenschutzmaßnahmen für jeden Einzelnen werden weltweit sehr geschätzt. Das wird gerade in einer Krise wie jetzt sehr deutlich“, lobt der Gründer der Open-Xchange AG. „Deutschland hat viele Vorzüge und Fähigkeiten. Diese mit den Menschen zu koppeln, die Innovationen schaffen, das ist unser Ziel“, erläutert der SprinD-Direktor.

Über 100 Ideen sind in den letzten Wochen in der Agentur eingereicht worden. Die ersten Projekte sind bereits anfinanziert. „Wir nutzen drei Kanäle, um an förderwürdige Projekte zu gelangen“, erklärt Laguna. Da sind zum einen die erfahrenen Innovationsmanager, die über sehr gute Netzwerke verfügen, zum anderen ist es die mediale Präsenz, die für Aufmerksamkeit sorgt, und zum Dritten richtet die Agentur Wettbewerbe aus. „Aktuell laufen drei Wettbewerbe zu verschiedenen Themen. Aus ihnen generieren wir Ideen, die wir sichten und teilweise sogar kombinieren“, beschreibt der gebürtige Leipziger. „Die erfolgversprechendsten Ideen werden weiterentwickelt, bis sie marktreif sind und uns nicht mehr brauchen, sodass die Wertschöpfung in Deutschland bzw. Europa bleibt.“

Zu den geförderten Projekten, die sich u. a. mit erneuerbaren Energien oder CO2-Senkungen aus­einandersetzen, gehört auch eines, welches sich der Entwicklung eines kleinen, aber sehr leistungsstarken analogen Computers widmet. „Der Vorteil zu digitalen Computern ist, dass die analogen Computer nicht von Hackern angegriffen werden können und darüber hinaus wenig Energie verbrauchen“, beschreibt Laguna. „Wenn es gelingt, diesen analogen Computer auf eine kleine Chipgröße zu bringen, wäre er für KI oder autonomes Fahren einsetzbar oder aber auch bei Herzschrittmachern“, beschreibt Laguna.

Mit einem weiteren Projekt soll es gelingen, für Deutschland und Europa mehr digitale Souveränität zu erlangen. „‚Souvereign Cloud Stack‘ ist eine auf offenen Technologien basierende Cloudtechnologie-Architektur, die den Grundstein dafür legen könnte, dass es einen freien Markt für Cloud-Technologien gibt, der nicht von einigen wenigen Monopolisten bestimmt ist“, erzählt der SprinD-Verantwortliche. Der Vorteil: Die auf Open Source basierenden Technologien legen offen, was mit Daten und Cloud-Diensten geschieht. Außerdem sind sie kompatibel.

Regionale Betreiber können sich beteiligen

„Nutzer sollen die Möglichkeit erhalten, Cloud-Dienste auch wechseln zu können. Regionale Betreiber wie NetCologne sind eingeladen, sich an dem Projekt zu beteiligen und in diesem Markt der freien Cloud-Dienste einer der Anbieter zu sein. Dadurch würde NetCologne dafür sorgen, dass es regionale Dienste mit lokalen Ansprechpartnern gibt, die aber kompatibel mit dem Rest der Welt sind. Dienste, die also kein Nischenprodukt darstellen, sondern ein Weltmarktprodukt aus Köln“, erklärt Laguna.

Der Direktor der Agentur für Sprunginnovationen ist davon überzeugt, dass die Erreichung der digitalen Souveränität Sprunginnovationen evoziert. „Wenn wir es schaffen, Angebote zu entwickeln, die der Qualität der Monopolisten in nichts nachstehen, sind wir Teilnehmer der Sprunginnovationen im Bereich Digitalisierung. Gelingt uns das nicht, sind wir in 20 Jahren in Deutschland ein Industriemuseum.“