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Neue Technologische Abhängigkeiten
verringern

Marco-Alexander Breit ist Leiter der Stabsstelle Künstliche Intelligenz im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Er gibt Auskunft über das Projekt GAIA-X

Warum setzen Deutschland und Europa ausgerechnet jetzt Pläne für eine eigene Dateninfrastruktur um?

Erst jetzt haben sich in Anbetracht der aktuellen geopolitischen und technischen Entwicklungen die erforderlichen Kräfte geeint, um ein solch großes und komplexes Vorhaben gemeinsam voranzutreiben. Das Thema digitale Souveränität hat an Bedeutung gewonnen, seit die Diskussion um einen Technical Divide und die handelspolitischen Spannungen zwischen den Großmächten die Zwickmühle der Abhängigkeiten offenlegt.

Sowohl Politik als auch Unternehmen sehen, dass digitale Souveränität und Selbstbestimmung nicht mehr ein frommer Wunsch, sondern eine dringende Notwendigkeit darstellen. Und sie sehen, dass Datenschutz und Sicherheit, Interoperabilität und Innovationen Hand in Hand gehen müssen. Dieser Bewusstseinswandel hat dazu geführt, dass GAIA-X eine so große und breite Unterstützung erfährt.

Wie weit ist das Projekt gediehen?

Trotz der Corona-Pandemie läuft das Projekt weiterhin auf Hochtouren. Unter anderem soll das technische Konzept im Mai der Öffentlichkeit vorgestellt werden – zusammen mit anderen wichtigen Fortschritten, die die Projektpartner gemeinsam seit dem Digital-Gipfel im Oktober letzten Jahres erarbeitet haben. Auch die geplante Gründung der Entität in den nächsten Monaten wird tatkräftig vorangetrieben.

Eine Inbetriebnahme des Projekts in vollumfänglicher Funktionalität bis Ende des Jahres war nicht geplant. Bis dahin sollen allerdings erste Prototypen in einem echten Kundenumfeld laufen. Hieran halten wir auch weiterhin fest. Wir kommen schnell und gut voran. Bis zur kommerziellen Inbetriebnahme des Projekts mit seinen vollen Funktionalitäten wird allerdings noch etwas Zeit vergehen müssen.

Welche technischen und regulatorischen Hürden gilt es zu überwinden?

Technische Hürden in dem Sinne, dass eine gänzlich neue Technologie entwickelt werden müsste, sehen wir nicht. Vielmehr geht es darum, bereits vorhandene Technologien anzupassen und bestehende Standards so miteinander zu verbinden, dass ein einheitliches System entsteht. Darüber hinaus müssen die zentralen Komponenten entworfen und in einen marktreifen Zustand umgesetzt werden. Dies alles geht nicht von heute auf morgen und beansprucht etwas Zeit.

Regulatorische Hürden waren im Projekt GAIA-X bislang kein Problem. Gleichwohl spielen die Bundesregierung, aber auch zunehmend die Regierungen anderer EU-Mitgliedsstaaten, eine wichtige Rolle, um das Projekt zu konzertieren, europäisch zu erweitern und in den europäischen Rahmen, zum Beispiel in die neue Datenstrategie der EU-Kommission, einzubetten.

GAIA-X ist international ausgerichtet. Zahlreiche europäische Unternehmen, Behörden und Organisationen beteiligen sich, auch führende US-amerikanische Cloud-Anbieter zählen zu den Partnern. Wie stellen Sie trotzdem sicher, dass GAIA-X sein Ziel, technologische Abhängigkeiten zu verringern und Datensouveränität zu schaffen, erreicht?

Sehr richtig, es geht uns mit GAIA-X um Datensouveränität. Dies bedeutet, dass wir den Nutzern ermöglichen möchten, vollständige Kontrolle über ihre Daten zu haben und unabhängig entscheiden zu können, wer wann worauf zugreifen darf. Dies steht einer Beteiligung der US-amerikanischen Cloud-Anbieter am Projekt nicht entgegen. GAIA-X definiert hier aber die Spielregeln für alle. Der Nutzer muss frei entscheiden können, ob er seine Daten bei einem amerikanischen Anbieter speichern bzw. verarbeiten möchte oder ob er lieber einen europäischen Anbieter nutzt und wie wichtig ihm Datenschutz- und Sicherheitsstandards dabei sind. Und GAIA-X stellt sicher, dass der Nutzer keinen Lock-in-Effekten unterliegt und Daten und Dienste flexibel zwischen verschiedenen Cloud-Anbietern transferierbar sind. Genau damit stellen wir Wahlfreiheit, Interoperabilität und Datensouveränität sicher.

Wie wird GAIA-X die Datensouveränität im kommunalen Bereich verbessern und inwieweit können regionale Betreiber von Telekommunikationsnetzen und Rechenzentren dazu beitragen?

Ganz enorm! Zentrales Element von GAIA-X ist das Zusammenbringen unterschiedlicher Provider in einer einheitlichen Umgebung: große und kleine, zentrale und lokale, Edge und Hyperscaler. Gerade regionalen Betreibern bietet das die Chance, lokalen Unternehmen sichere, vertrauenswürdige, maßgeschneiderte Dienstleistungen für deren Geschäftsbereiche mit sensiblen Daten anbieten zu können, ohne dass diese auf die Nutzung von Massenanbietern in weniger wichtigen Bereichen verzichten. Regionale Anbieter zu stärken war daher immer erklärtes Ziel von GAIA-X.

Wo sehen Sie das Projekt in zwei Jahren?

Als ein Schlüsselstein digitaler Souveränität und als Fundament eines vitalen Innovationsökosystems; technisch kurz vor Entfaltung der vollen Funktionalitäten. Und hoffentlich noch immer getragen von einer starken und breiten Allianz.

Vernetzte Dateninfrastruktur

Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Deshalb ist es wichtig, dass Deutschland und Europa die Kontrolle über ihre Datenwertschöpfungskette behalten und Datenspeicherung, Datenprozessierung und Datennutzung nach ihren rechtlichen Rahmenbedingungen gestalten. Um die Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte und innovative Datenökonomie in Deutschland und Europa zu schaffen, hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Oktober 2019 das Projekt GAIA-X ins Leben gerufen. GAIA-X schafft eine vernetzte Dateninfrastruktur für Bürgerinnen und Bürger, öffentliche Verwaltungen, wissenschaftliche Organisationen sowie für Unternehmen aller Größen in Deutschland und Europa. Jeder Datengeber im GAIA-X Innovations-Ökosystem hat jederzeit die Kontrolle über seine Daten. Dabei stellt GAIA-X keine zentrale Datenplattform dar, sondern verbindet bestehende Cloud-Angebote – sowohl zentrale als auch lokale – intelligent und interoperabel miteinander. Auch die bestehenden Services von Unternehmen können hierin interoperabel und unter Wahrung der digitalen europäischen Souveränität genutzt, prozessiert und ausgetauscht werden.