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„Die Medizin der Zukunft ist auf Daten
angewiesen”

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach mit NetPolitik über die Chancen der Digitalisierung für das deutsche Gesundheitswesen.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit haben Sie es sich zum Ziel gesetzt, die Digitalisierung im Gesundheitswesen maßgeblich voranzu­treiben. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Wir sind noch nicht am Ziel. Aber wir haben vieles angestoßen: Ab 2021 müssen die Krankenkassen ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte anbieten. Die Voraussetzungen für das E-Rezept stehen, Ärzte können Videosprechstunden anbieten und bekommen diese auch vergütet. Und wir kümmern uns darum, dass die Zettelwirtschaft im Gesundheitswesen nach und nach abgeschafft wird. Damit das deutsche Gesundheitssystem patientenfreundlich wird, müssen wir jetzt vorankommen bei der Digitalisierung.

Wo wollen Sie in zwei Jahren stehen?

Patienten und Beschäftigte im Gesundheitswesen ­sollen möglichst bald spüren, wie digitale Lösungen ihren Alltag erleichtern. Die elektronische Patienten­akte, ePA, ist dafür aus meiner Sicht entscheidend. Patienten haben damit ihre Daten, alle Untersuchungsergebnisse auf einen Blick – wenn sie ­wollen, sogar auf dem Smartphone. Mit Erlaubnis des Pati­enten sehen Ärzte, welche Untersuchungen bereits durchgeführt wurden, welche Medikamente jemand einnimmt, ob schon mal Allergien aufgetreten sind. Das ist nicht nur bequemer für alle Beteiligten, es macht die Versorgung auch besser. Mein Anspruch ist, dass die ePA allen Versicherten ab 2021 zur Verfügung steht und entsprechend befüllt und genutzt wird.

Welcher Maßnahmen bedarf es, damit Deutschland den Anschluss bei der Digitalisierung im Gesundheits­wesen nicht verliert?

Die Welt wartet nicht auf uns. Führen wir unser zweifellos hervorragendes Gesundheitssystem nicht aktiv ins digitale Zeitalter, machen das andere. Große Technikunternehmen beispielsweise aus den USA oder chinesische Staatskonzerne. Ich möchte aber, dass wir das System nach unseren ethischen Vorstellungen modernisieren. Darum haben wir die Mehrheit an der gematik übernommen, dem Unternehmen, das sich in Deutschland um den Aufbau der Telematikinfrastruktur, also der sicheren Vernetzung des Gesundheitswesens, kümmert. Neben den Arztpraxen haben wir mit aktueller Gesetzgebung Apotheken und Krankenhäuser verpflichtet, sich an die Telematikinfrastrukur anzuschließen, und geben Hebammen, Physiotherapeuten und Pflegeeinrichtungen die Möglichkeit dazu. Patienten sollen sich darauf verlassen können, dass nach und nach alle an ihrer Behandlung Beteiligten auf das sichere Datennetz zugreifen können.

Täglich kommen neue Gesundheitsapps auf den Markt. Übernehmen in Zukunft Softwareentwickler und Datenanalysten die originär ärztlichen Aufgabenbereiche?

Kein Algorithmus der Welt kann einen Arzt oder eine Pflegekraft ersetzen. Es geht immer nur um eine sinnvolle Ergänzung. Nehmen Sie einen Patienten mit Bluthochdruck. Wie oft sieht der seinen Arzt – vielleicht einmal im Quartal? Wenn er eine Smartwatch trägt, die auch in der Zwischenzeit bestimmte Parameter misst, an eine App überträgt und auf Wunsch dem Arzt zur Verfügung stellt, dann kann dieser die Erkrankung besser behandeln. Gleiches gilt zum Beispiel für den Bereich Physiotherapie. Mit den kurzen Besuchen beim Physio­therapeuten ist es nach einer Knieverletzung nicht getan. Eine App kann helfen, zwischendurch zu Hause selbst Übungen zu machen und den Heilungsverlauf so zu beschleunigen. Das Prinzip lautet nicht App statt Arzt. Sondern Arzt und App oder Physiotherapeut und App.

Gesundheitsdaten sind besonders sensible personenbezogene Daten. Wie können wir den Schutz dieser Daten sicherstellen, ohne Innovationen dauerhaft zu hemmen?

Die Medizin der Zukunft ist auf Daten angewiesen. Schon jetzt werden die Abrechnungsdaten der Versicherten gesammelt und zum Beispiel für die Verteilung des Geldes zwischen den Krankenkassen benutzt. Bis Wissenschaftlern Auswertungen dieser Daten zur Verfügung stehen, dauert es aber Jahre. Künftig werden die Abrechnungsdaten in einem Datenzentrum schneller für die Forschung aufbereitet – anonymisiert und aggregiert natürlich. Dass wir hier schneller werden, kommt vor allem Patientinnen und Patienten zugute. Denn die Erkenntnisse führen am Ende zu einer besseren medizinischen Behandlung.

In vielen Arztpraxen existieren „aus Sicherheitsgründen“ nicht einmal E-Mail-Accounts. Stattdessen wird noch immer gefaxt und postalisch versendet. Woran liegt der Widerwille vieler Gesundheits-Player, sich an der Digitalisierung zu beteiligen?

Damit das Vertrauen in die neue Technik wächst, müssen Ärzte selbst erleben, wie sie davon profitieren. Ich bin sicher: Konkrete Anwendungen wie die elektronische Patientenakte werden auch jene überzeugen, die jetzt noch skeptisch sind. Der sichere digitale Kommunikationsdienst der Leistungserbringer beispielsweise macht wirklich einen Unterschied für Ärztinnen und Ärzte. Wir setzen aber auch auf finanzielle Anreize. Praxisinhaber, die sich partout nicht anschließen lassen, müssen bald mit 2,5 Prozent Honorarabzug rechnen. Und da Sie das Fax ansprechen: Momentan bekommen Ärzte für das Versenden eines Telefax schlichtweg deutlich mehr Geld als für das Verschicken eines elektronischen Arztbriefes. Wir sorgen dafür, dass sich das ändert. So wird die digitale Lösung attraktiver und wir schaffen die Zettelwirtschaft nach und nach ab.

Die gematik arbeitet seit rund 15 Jahren an der Telematikinfrastruktur und der Einführung der E-Gesundheitskarte. Wie ist der aktuelle Stand?

Ich möchte nicht, dass die elektronische Gesundheitskarte zum Berliner Flughafen des Gesundheitswesens wird. Deswegen haben wir die Mehrheit der Anteile an der gematik übernommen und bringen uns aktiv ein. Kürzlich habe ich bei der Bundesärztekammer mit Vertretern der Ärzteschaft über dieses Thema diskutiert. Mein Eindruck ist: Die Skeptiker sind in der Minderheit. Die meisten Ärzte haben große Lust, die Digitalisierung im Gesundheitswesen gemeinsam mit uns zu gestalten.

NetCologne arbeitet aktuell an der Vernetzung von radiologischen Praxen in NRW. Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Digitalwirtschaft?

Mir geht es vor allem darum, dass Innovationen den Versicherten schneller zur Verfügung stehen als bisher. Dafür setzen wir als Bundesregierung den richtigen Rahmen. Die Innovationen selbst müssen aus den Unternehmen kommen. Da mache ich mir aber gar keine Sorgen. Ab 2020 können die Krankenkassen Digitalanwendungen erstatten. Das macht es natürlich auch deutlich attraktiver, solche Anwendungen für den deutschen Markt zu entwickeln.

Wann rechnen Sie mit der Einführung des digitalen Versorgungsgesetzes?

Mit dem DVG führen wir in Deutschland etwas ein, das es so noch nirgends auf der Welt gibt: Patienten können sich ab 2020 Apps verschreiben lassen. Der Bundestag hat das bereits beschlossen, sodass das Gesetz voraussichtlich im Januar in Kraft treten kann. Es geht zum Beispiel um Apps für Diabetiker oder Migränepatienten, die das Leben gerade von chronisch kranken Patienten erheblich erleichtern. Künftig ist die Nutzung solcher Apps keine Frage des Geldbeutels mehr. Wenn der Arzt es für sinnvoll hält, dann zahlt die Krankenkasse nützliche und sichere Anwendungen. Außerdem wird es für Ärzte einfacher, ihren Patienten Videosprechstunden anzubieten. Das ist gerade in ländlichen Regionen interessant oder zu Randzeiten, wenn die Praxen geschlossen sind. Mit dem DVG sind wir einen großen Schritt weitergekommen auf dem Weg zu einer digitaleren und damit patientenfreundlichen Versorgung. Es bleibt aber noch viel zu tun. Darum arbeiten wir bereits am nächsten Gesetzentwurf.