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Belastungstest für digitale
Infrastrukturen

Die Corona-Situation beweist, dass die digitale Infrastruktur weltweit zum Rückgrat des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens geworden ist. Dass das Virus in Deutschland auch Wegbereiter für weitere digitale Veränderungen werden kann, konstatiert Ökonomin Barbara Engels vom IW Köln.

Die Zahlen sprechen für sich. Ein internationaler Technologieanbieter veröffentlichte kürzlich, dass die Nachfrage nach seinen Cloud-Diensten in der Corona-Krise um 775 Prozent gestiegen sei. Ein anderes global agierendes Unternehmen verzeichnete an nur einem einzigen Tag 4,2 Millionen Videokonferenzen mit mindestens drei Teilnehmern. Auch der weltweit größte Internetknoten, DE-CIX in Frankfurt, vermeldete Ende März eine Verdopplung der Streams für Video­konferenzen.

Das zeigt: Eine funktionierende digitale Infrastruktur, die es erlaubt, in Zeiten der Pandemie weiter aktiv zu sein, ohne dass Menschen physisch zusammenkommen, wurde in den letzten Monaten in Unternehmen, Bildungsstätten, Gesundheitszentren und öffentlichen Verwaltungen zu einer elementaren Frage.

„Ich bin erstaunt, wie schnell viele Unternehmen es ihren Angestellten ermöglicht haben, innerhalb kürzester Zeit von zu Hause aus zu arbeiten“, lobt Barbara Engels, Ökonomin beim Institut für Deutsche Wirtschaft (IW) in Köln (Foto oben). „Dort wo man teilweise jahrelang gezögert hat, wurde jetzt gewissermaßen über Nacht in entsprechende digitale Arbeitsmittel, Software und Netze investiert. Verschiedene Vorbehalte wurden innerhalb kürzester Zeit widerlegt, teilweise durch die Bedenkenträger selbst“, führt die Digitalexpertin weiter aus. „Ich freue mich, dass jetzt endlich viele Technologien in der Breite genutzt werden, die sie verdient haben – und nicht länger nur über das Für und Wider diskutiert wird.“ Vor der Pandemie führten die deutschen Unternehmen das Homeoffice nur zögerlich ein. Laut dem Branchenverband Bitkom lag 2018 der Anteil der Firmen, die Heimarbeit ermöglichten, bei 39 Prozent.

„In der Krise zeigt sich, welche Unternehmen flexibel agieren können. Wo sind Prozesse so angelegt, dass man sie leicht ins Digitale verlegen kann? Wo sind sie vielleicht so ineffizient und kompliziert, dass dies nicht möglich ist? Für viele Unternehmen ist das sicherlich die Stunde der Wahrheit“, urteilt die Kölner Ökonomin. Sie weist aber auch darauf hin, dass sich nicht jedes Geschäftsmodell gleichermaßen für die Digitalisierung eigne. „Sie können einen noch so flexiblen und digitalaffinen Malerbetrieb haben, malen müssen Sie immer noch analog und vor Ort. Und da kann Ihnen die Corona-Krise einen dicken Strich durch die Rechnung machen“, so Engels.

Digitalisierungsgrad deutscher Unternehmen

In der Studie „Digitalisierung der KMU in Deutschland“ gaben 70 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen an, moderne IKT- und Internettechnologien wenig zu nutzen. Nur bei einem Drittel der KMU ist die Nutzungsintensität hoch oder sehr hoch. Bei Großunternehmen liegt diese Quote bei 70 Prozent.

Laut der KMU-Befragung lagen die größten Hemmnisse im Bereich fehlender Kompetenzen und Fachkräfte, in einem unzureichend digitalisierten Lieferanten- und Kundenumfeld sowie in den Rechtsunsicherheiten.

Aber auch ein fehlender Breitband-Netzausbau sorgt in Deutschland noch immer für digitale Engpässe. So fasste das IW Köln 2017 in einem Kurzbericht zusammen, dass im Vergleich zu städtischen Kreisen ländliche Regionen immer noch nicht aufholen würden, was das Ausbau­tempo von Breitbandnetzen anbelangt. In der Konsequenz, so heißt es in dem Bericht, steige die Breitband-Versorgungsquote noch immer deutlich mit dem regionalen Verdichtungsgrad an – von 59 Prozent in dünn besiedelten ländlichen Kreisen auf knapp 91 Prozent in Großstädten.

Unzureichender Breitbandausbau in ländlichen Gebieten

„Deutschland hat zwar den großen Standortvorteil, dass es mit dem DE-CIX in Frankfurt den weltgrößten Internetknoten beherbergt. Und der hat trotz steigenden Verkehrs gute Kapazitäten“, urteilt Barbara Engels, aber auf der anderen Seite komme der Breitbandausbau besonders in den ländlichen Gebieten noch immer nicht ausreichend voran. „Das ist vor allem für die dort angesiedelten Unternehmen problematisch“, sagt sie. „Wenn die Videokonferenz völlig verrauscht ist, bleibt nur noch das Telefon. Das ist in vielen Fällen einfach nicht genug. Wenn die Mitarbeiter zu Hause keine ordentliche Internet­verbindung haben und die Software nicht ‚remote’ nutzen können, wird ihre Arbeit deutlich eingeschränkt.“ Das falle jetzt in der Krise, in der viel mehr digital geschieht als vorher, natürlich besonders ins Gewicht, gibt sie an. „Unternehmen in Ländern, die über einen deutlich besseren Netzausbau verfügen, haben hier sicherlich Vorteile gegenüber den deutschen Unternehmen, vor allem denen gegenüber, die auf dem Land angesiedelt sind.“

Digitale Versäumnisse in der Bildung

Ähnliche Versäumnisse zeigen sich aktuell auch im Bildungsbereich. Von der ersten Ankündigung des Digitalpakts bis zum offiziellen Start hat es über zwei Jahre gedauert. Auch die Umsetzung ist weiter holprig. So ergibt eine Forsa-Umfrage aus dem letzten Jahr, dass sich nur knapp über die Hälfte aller befragten Schulleiterinnen und Schulleiter gut darüber informiert fühlen, wie Mittel aus dem Digitalpakt überhaupt abgerufen werden können.

Auch digitale Lernplattformen gibt es nur in einigen Bundesländern. Dort gehe aufgrund des großen Ansturms so mancher Server in die Knie, heißt es aus Lehrerkreisen. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des deutschen Lehrerverbands, sagte in einem TV-Interview: „Auf jeden Fall wird es einen Schub geben, weil die Bedeutung und Notwendigkeit, digitalen Stoff zu vermitteln und digitalen Unterricht zu machen, uns allen vor Augen geführt worden ist.“

Bezeichnend ist auch, dass Deutschland im E-Learning-Ranking (Quelle: Center for European Policy Studies, 2019) an letzter Stelle steht. Neben fehlender Hardware seien die Internetverbindungen vielerorts zu schwach oder instabil, heißt es in dem Ranking.

In der oben erwähnten Forsa-Umfrage unterstreichen 63 Prozent der Befragten, dass in ihren Schulen Internet nicht in vollem Umfang verfügbar sei. Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, sagte dazu: „Wenn sich die Digitalisierung an Schulen weiter in der gleichen Geschwindigkeit vollzieht wie in den letzten fünf Jahren, werden wir erst 2034 erreicht haben, dass es an allen Schulen einzelne Klassensätze an digitalen Endgeräten gibt.“

Vernetztes Gesundheitssystem als Grundpfeiler

Auch das vernetzte Gesundheitssystem müsse ein Grundpfeiler einer digitalen Gesellschaft sein, forderte Professor Dr. Erwin Böttinger, Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. „Wenn wir das Digitale als Grundgerüst unseres Alltags akzeptieren und die Vernetzung in möglichst vielen Bereichen unserer Gesellschaft vorantreiben, können wir unser Zusammenleben gleichzeitig effizienter und gerechter gestalten und sind auch für Krisensituationen wie die derzeitige besser gewappnet“, schrieb der Professor in einem Zeitungsartikel.

„Stabile Netze und leistungsfähige Cloud-Lösungen sind wortwörtlich systemrelevant“, resümiert Barbara Engels. Die IW-Ökonomin rät dazu, Abhängigkeiten von anderen Ländern zu reduzieren und die eigenen Standortvorteile bestmöglich zu nutzen. Zu denen zähle u. a. eine künstliche Intelligenz, die auf den Menschen fokussiert ist, den Menschen aber nicht ersetzen, sondern ihm vielmehr helfen soll. „Ein anderer Standortvorteil ist der Datenschutz, der in der Europäischen Union sehr hoch gehalten wird. Dies ist auch für Cloud-Lösungen besonders relevant“, ist sich Engels sicher. „Aber derzeit werden diese Standortvorteile noch zu wenig genutzt. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass dies in Zukunft gedeihen kann, wenn es gelingt, die IT-Infrastruktur auszubauen, Bürokratie abzubauen und Fachkräfte anzulocken. Digitalisierung lässt sich nun einmal nicht mit Rechenschiebern meistern.“